Sauhund - Münchner Kammerspiele
Typen gefunden, Orientierung verloren
6. Juni 2025. Jeanslook, Denver Clan, Dauerwelle – und der erste Kuss von Mann zu Mann. Lion Christ beschreibt in seinem Roman "Sauhund" ein Coming Out in den 80ern, geprägt von der HIV-Pandemie und Stigmatisierung. Regisseur Florian Fischer hat den Stoff in einen dokumentarischen Erinnerungsraum überführt.
Von Dorte Lena Eilers
Lion Christs "Sauhund" von Florian Fischer an den Münchner Kammerspielen inszeniert © Armin Smailovic
6. Juni 2025. Das Wetter hätte eine Warnung sein können in diesem Sommer 1983. Es ist "fegefeuerwarm", verkündet die "Rundschau" des Bayerischen Rundfunks. Eine "Brüllhitze" liegt über der Stadt, welche die Verheißungen eines jungen Lebens auf dem Asphalt zwischen Gärtnerplatz und Sendlinger Tor gnadenlos verkohlt. Auf schweißtreibende Nächte folgen angstschweißige Abstürze. Kontakt gesucht, Typen gefunden, Orientierung verloren. Was für Flori fortan heißt: Blowjob für 'nen Zwanni, schlafen in der Mission. Höllennächte auf repeat gestellt. "Ein Batzen Dreck bleibt ein Batzen Dreck bleibt ein Batzen Dreck."
Lion Christs Roman befindet sich an dieser Stelle an einem der vielen Tiefpunkte im Leben seines Protagonisten, das jedoch von ebenso vielen Höhepunkten wieder empor katapultiert wird. Auf der Vorderbühne der Münchner Kammerspiele nebelt in solchen Momenten dicker Rauch über ein im Boden eingelassenes Eisengitter. Ein Hauch New York weht durch den Raum. "When you're alone, and life is making you lonely / You can always go / Downtown."
Glitzernde Verheißung der Metropole
Dieser Songzeile war Flori gefolgt, wie so viele junge Identitätssuchende in den 80er Jahren. Vom ländlichen Wolfratshausen in die brodelnde Metropole, den Schreinerfreund ausrangiert für die glitzernde Schwulenszene der Stadt. Diskonebel. Drogennebel. Pissenebel. Doch schon schält sich durch den Rauch eine bühnenhohe Fototapete hervor. Hauptsächlich Männer in dokumentarischem Schwarz-Weiß sind dort zu sehen, hauptsächlich jung und hauptsächlich schön. Es sind Bilder aus dem schwulen Reiseführer "München von hinten", der in den Jahren 1982 und 1984 erschien.
Wer bin ich? Identitätssuche mit dokumentarischem Material: "Sauhund", von Florian Fischer inszeniert © Armin Smailovic
Ein Roman ist kein Theater ist kein Roman. Und deshalb will die Uraufführung von Lion Christs Debüt "Sauhund" nicht einfach nur erzählen. Sie will Zeugenschaft ablegen, Dokument sein, Erinnerungsräume schaffen, denn die 80er Jahre waren eben nicht nur Jeanslook und Denver Clan, Dauerwelle und Petula Clark. Sie stellten eine Zäsur im gesellschaftlichen Aufbruch der sexuellen Befreiung dar. Während die einen sich mit Gitte Haennings "I will alles" noch auf der Seite der Glücklichen wähnten, stellte sich den anderen, mit den Worten der Band Queen gesprochen, eine ganz existenzielle Frage: "Who wants to live forever?" Oder weniger poetisch: Wie lange noch?
Angst und Stigmatisierung
So war es im Sommer 1983 nicht allein die Sommerhitze, die der von Lion Christ beschriebenen queeren Community in München zusetzte. Es war das HIV-Virus, das zu der Zeit weltweit bereits etliche Tote gefordert hatte. Der Aufbruch der Schwulenbewegung paarte sich mit Angst – und Stigmatisierung. Auf Robin Metzers Bühne sehen wir in körnigen Schwarz-Weiß-Filmen Menschen gegen Homophobie und Ausgrenzung protestieren, während der O-Ton des CSU-Politikers Hans Zehetmair zu hören ist, der in einem Interview Homosexualität als "contra naturam" und im Grunde "krankhaftes Verhalten" bezeichnete und davon sprach, dass "dieser Rand … ausgedünnt werden" müsse. Das war die infame Dynamik in Teilen der CSU.
Begegnungen im Erinnerungsraum des Sommers 1983: Edmund Telgenkämper und Elias Krischke © Armin Smailovic
Wie aber bringt man all diesen Stoff, das Coming of Age, die Historie, das Zeitkolorit, in lediglich 90 Minuten unter? Regisseur Florian Fischer probiert es mit einer radikalen Reduktion: drei Schauspieler – Elias Krischke als Flori, Annette Paulmann und Edmund Telgenkämper als diverse Nebenfiguren; drei Akte, welche die tempomachenden Titel tragen "Woher man kommt und los", "City und Absturz" und "Care". Wer den Roman gelesen hat, wird aufgrund der Straffung Ambivalenzen vermissen. Aus Floris komplexer Mutterfigur wird in der Bühnenfassung eine taffe, strenge und nur am Ende gebrochene Frau, während Gregor, Floris Schreinerfreund aus Wolfratshausen, anders als in der Weite des Romans möglich, auf der Bühne kaum Zeit hat für seinen inneren Kampf gegen ländlich geprägte Männerstereotypien, sondern von Anfang an anschmiegsam sein darf.
Moment einer Hand auf dem Knie
Es geht also einiges verlustig beim Transfer von Buch zu Bühne, was einen erneut die Gretchenfrage stellen lässt, ob Romanadaptionen wirklich der Dramatik letzte Weisheit sind. Die Kammerspiele jedenfalls haben in der nächsten Spielzeit, abzüglich des Kinderbuchklassikers "Pinocchio", gleich vier davon im Programm. Doch dann, urplötzlich, ist er da, dieser eine Moment, an dem der Theaterabend mit nur einem Satz seine Dringlichkeit zu formulieren versteht. Flori erinnert sich, wie im Tierpark ein Mann einem anderen Mann seine Hand aufs Knie gelegt hat. Völlig banal, doch zu der Zeit eine kleine Sensation. Krischke war in diese Szene leicht hineingestolpert, setzt neu an, was Telgenkämper, der einen der Männer spielt, zum Lachen bringt. Der Theaternebel lichtet sich und etwas Echtes blitzt hervor.
"In dem Moment", sagt Flori, "hab ich gedacht: Ich werd diese Beiden beschützen. Vor der den Franz Josef Strauß anbetenden Hausverwaltung, und vor allen Gauweilers und der ganzen bösen Welt, für immer!" Ein Vorsatz, der mit aktualisierten Namen auch für heute gelten kann. Auf repeat gestellt. In Büchern ebenso wie auf Bühnen.
Sauhund
Nach dem Roman von Lion Christ
Textfassung: Ludwig Abraham, Hannah Baumann, Florian Fischer, Elias Krischke, Annette Paulmann, Tobias Schuster, Edmund Telgenkämper
Konzept & Regie: Florian Fischer, Bühne: Robin Metzer, Musikalische Leitung / Komposition: Ludwig Abraham, Kostüm: Jacqueline Elaine Koch nach den Kostümentwürfen von Shalva Nikashvili, Lichtdesign: Maximilian Kraußmüller, Dramaturgie: Hannah Baumann.
Mit: Elias Krischke, Annette Paulmann, Edmund Telgenkämper
Premiere am 5. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.muenchner-kammerspiele.de
Kritikenrundschau
In seinem "fantastischen Theaterabend" drehe Regisseur Florian Fischer "das Drollige ins Dringliche" und erschaffe aus der Romanvorlage ein Requiem, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (6.6.2025). Dazu genügten ihm O-Töne damaliger Politiker, Filmbilder von Aids-Kranken und drei Schauspieler*innen: "Wie Paulmann sich von der sorgenden Mam in die lustige Frau Eichinger in die umtriebige Theresa verwandelt, ansatzlos, das ist atemberaubend. Genauso wie Telgenkämper Generationen toller Kerle oder soignierter Herren spielt." Nachhaltig wirkt der Abend auf Thol: Er "bleibt nicht in der Erinnerung kleben, er setzt vielmehr aus dieser heraus dem drohenden Ende der Wokeness etwas entgegen", so der Kritiker. "Es geht ja nicht ums Schwulsein allein, sondern um alles, was dem Heteronormativen, auch dem Prüden und Faden, entgegensteht. Nicht gewollt ist. Dazu braucht man nicht einmal in ferne Länder zu blicken."
Die Trias Elias Krischke, Annette Paulmann und Edmund Telgenkämper gestaltet aus Sicht von Simone Dattenberger vom Münchner Merkur (7.6.2025) "einen menschlich überzeugenden Abend, obwohl sie kein Bairisch kann und man für sie auch keine stilisierte Kunstsprache wie etwa bei Ödön von Horvath oder Franz Xaver Kroetz entworfen hat. An ihn und sein „Bauerntheater“ (1995; ähnliche Thematik, gleicher Ort) denkt man mit Wehmut."
"Florian Fischer hat den Roman gemeinsam mit Tobias Schuster und dem Ensemble in eine erfrischend präzise Theaterfassung verwandelt," schreibt Anne Fritsch in der Abendzeitung (AZ 7.6.2025). "Wo Lion Christ zum Ausschweifenden neigt, findet sie zum Wesentlichen und schält diese Sätze heraus, in denen Christ seinen Figuren und ihrem Lebensgefühl sehr nahe kommt. Fischer und sein Ensemble begegnen ihnen allen mit großer Empathie, weswegen einem diese Menschen hier auf der Bühne beinahe näher kommen und gehen als im Roman."
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Petula Clark heisst Petula Clark, und Queen formulierten ihren Songtitel "Who wants to live forever" in korrektem Englisch.
Soviel Sorgfalt muss sein.
(Vielen Dank für den Hinweis, wir haben korrigiert. d. Red.)
Der Plot folgt den Party-Exzessen, dem Absturz ins Stricher-Dasein auf der Bahnhofs-Klappe und der Rettung durch ein älteres Paar, die Flori bei sich aufnehmen. Auf die Wände werden zahlreiche Zeitdokumente und Archiv-Schätze projiziert. Im O-Ton hören wir Hans Zehetmair, Altphilologe und Kultusminister a.D., dass Homosexualität „contra naturam“ sei und die Ränder der Minderheiten ausgedünnt werden müssten.
Egbert Tholl fand in seiner begeisterten SZ-Kritik ein treffendes Wort für diesen beeindruckenden Abend: „Sauhund“ ist das „Requiem“ für eine Generation und eine untergegangene Ära des Nachtlebens vor der Gentrifizierung. Standing Ovations wie nach der gestrigen Aufführung habe ich in den vergangenen Jahren im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele höchst selten erlebt.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/07/24/sauhund-muenchner-kammerspiele-kritik/